Wie eskaliert man eine Divestment-Kampagne?

Tipps, wie ihr eure Kampagne ankurbeln, steigern und gewinnen könnt

Ihr organisiert derzeit eine Divestment-Kampagne. Ihr habt euch ein Ziel gesetzt und ein Team aufgebaut,  eine Petition gestartet, um öffentliche Unterstützung zu bekommen, und eure Kampagne geplant, die bereits seit einiger Zeit läuft.  
Ihr habt euch an die Verantwortlichen eurer Institution gewandt, aber die bewegen sich einfach nicht. Vielleicht wollen sie überhaupt nicht mit euch reden oder sie nehmen eure Kampagne schlicht nicht ernst. Das hört sich an, als wäre es an der Zeit für eine Eskalation.

Wozu dient eine solche Eskalation?

    • Um den Druck zu erhöhen, wo andere Taktiken nicht greifen
    • Um den Spaßfaktor zu erhalten, damit Unterstützer*innen und Teammitglieder bei der Stange bleiben  
    • Um Stärke zu demonstrieren und zu zeigen, dass ihr nicht aufgeben werdet  

Wir können nicht gewinnen, wenn wir es dabei belassen, Institutionen zum Divestment zu überreden

Weltweit haben wir bereits mehr als 700 Divestment-Zusagen im Wert von über 5 Billionen US-Dollar eingeworben! Aber das ist nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einem größeren Ziel – dem Aufbau einer schlagkräftigen Bewegung, um der Kohle-, Öl- und Gasindustrie ihre gesellschaftliche Legitimation zu entziehen und den Klimawandel zu bekämpfen. Wir brauchen massive öffentliche Unterstützung, jede Menge Leute, die mit Überzeugung aktiv werden, und eine stärkere öffentliche Debatte für den Klimaschutz.

Was bedeutet Erfolg für euch?

  • Achtet darauf, dass eure Aktionslogik Erfolge ermöglicht – kündigt nicht an, eine Versammlung zu sprengen, wenn ihr nicht daran glaubt, dass ihr das auch schafft.
  • Richtet den angestrebten Erfolg eurer Aktion daran aus, wie er euch bei der weiteren Eskalation helfen wird. Wird er euch zu mehr aktiven Unterstützer*innen, besseren Ressourcen oder mehr öffentlicher Aufmerksamkeit verhelfen?

Es ist Zeit, den Druck zu erhöhen

Eskalation treibt eine erfolgreiche Kampagne permanent voran und kann so ziemlich alles sein, von der Übergabe einer Petition bis hin zu einer Besetzung. Im Verlauf der Kampagne sollte eure Gruppe beständig nach Ansatzpunkten suchen, sie weiter zu eskalieren und somit eure Schlagkraft zu stärken.

1. Eine Basis aufbauen

Divestment campaigners

  • Tretet vor Ort mit Ständen auf Messen, Festivals und anderen Veranstaltungen auf, um Unterschriften für eure Fossil-Free-Petition zu sammeln, redet mit den Leuten und erzählt ihnen von eurer Kampagne.
  • Organisiert selbst Veranstaltungen, um Leute anzusprechen, zum Beispiel Podiumsdiskussionen mit interessanten Persönlichkeiten, Filmvorführungen oder Abendkonzerte.  Setzt eure Fähigkeiten und Kontakte ein, um Menschen anzusprechen, und nutzt das öffentliche Event, um eure Gruppe vorzustellen und andere zum Mitmachen einzuladen.
  • Nutzt eure eigenen Netzwerke und Kontakte, um die Unterstützung zu verstärken und für eure Veranstaltungen zu werben.

 

Je mehr Menschen bei eurer Kampagne mitmachen und sie aktiv unterstützen, desto mehr habt ihr schon jetzt erreicht!  Die beste Methode, andere einzubinden, ist, sie auf eine Reise mitzunehmen – also nicht nur eine einzelne Veranstaltung, sondern eine ganze Reihe davon, so angelegt, dass jede einzelne beworben und dann genutzt wird, um noch mehr Menschen zur nächsten Veranstaltung zu locken.

Wer eine Kampagne organisiert, ist oft überrascht, dass der Sieg nicht unbedingt darin besteht, die Gegner zu überzeugen. In Umuarama hatte sich das Team an das Stadtparlament gewandt und zwei Abgeordnete gefunden, die sie unterstützten. Sie hatten sogar Städte in der Umgebung für ihre Sache gewonnen. Aber die Stadt wollte sich einfach nicht bewegen – ein einflussreicher Kongressabgeordneter des Bundesstaats, der an Fracking-Projekten beteiligt war, blockierte ein entsprechendes Gesetz.

Sie hätten weiterhin mit dem Kopf gegen die Wand rennen und mit weiteren kommunalen Abgeordneten sprechen können. Ihre Eskalationsmethode sah aber ganz anders aus: öffentliche Veranstaltungen, Auftritte und Präsentationen in Schulen, Treffen mit führenden Persönlichkeiten aus der Bevölkerung und den Religionsgemeinschaften. Irgendwann brachten sie einen angesehenen katholischen Bischof dazu, sich gemeinsam mit Stadtverordneten, Priestern und führenden Gewerkschaftsleuten der Kampagne anzuschließen.All diese Unterstützung mobiliserten sie für einen Demonstrationszug an dem Tag, an dem die Entscheidung fallen sollte. Tausende drängten sich ins Rathaus. Unter dem Eindruck der überwältigenden Unterstützung stimmte der Rat einstimmig für das Verbot – niemand wollte außen vor bleiben.

350 campaigners in Brazil

350 campaigners in Brazil

2. Spektakuläre Aktionen, die Aufsehen erregen und sensibilisieren

  • Organisiert eine kreative Übergabe eurer Petition, verleiht eurer Institution einen Negativpreis, bringt eine Performance auf die Bühne oder schaltet satirische Anzeigen.
  • Beim Anfertigen von Spruchbändern oder bei der Vorbereitung einer Aktion in Kreativ-Workshops könnt ihr euch in der Gruppe bestens kennenlernen.
  • Werdet kreativ, nutzt die Fähigkeiten all eurer Mitglieder, denkt an das Publikum und wie eure Veranstaltung bei den Leuten ankommen wird (Medien? Soziale Netzwerke?).  Weitere Aktionsideen findet ihr hier.

In Swarthmore läuft eine der ältesten studentischen Divestment-Kampagnen. Angefangen hat sie mit der üblichen Taktik: Gespräche mit der Verwaltung (ohne Ergebnis) und Vorstandsmitgliedern (ohne Ergebnis). Das College weigerte sich zu deinvestieren.

Sie beschlossen, neue öffentlichkeitswirksame Aktionen auszuprobieren, etwa eine Petition, die von der Mehrheit der College-Angehörigen unterzeichnet wurde. Sie gewannen auf dem gesamten Campus Unterstützung. Sie organisierten sogar einen Protest, bei dem Studierende und Lehrkräfte die Unterrichtsräume verließen und gemeinsam zu einem Teach-in über Divestment gingen.

Sie eskalierten die Kampagne immer weiter und leisteten Aufklärungsarbeit, bis sie schließlich den Lehrkörper dazu brachten, Divestment aus sämtlichen fossilen Brennstoffen zu fordern.

Letzten Endes konnten sie das Divestment nie durchsetzen. Aber das bedeutet nicht, dass sie nicht gewonnen hätten. Durch ihre Kampagne haben sie andere Studierende ermutigt, eigene Divestment-Kampagnen zu starten – und mit jedem Schritt überzeugten sie wieder neue Leute und klärten sie über das Problem mit der Kohle-, Öl- und Gasindustrie auf. Sie haben Lehrkräften, Studierenden und vielen Hundert anderen klar gemacht, dass die Kohle-, Öl- und Gasindustrie unser Klima und den Planeten zugrunde richtet.
So gesehen war ihre „Niederlage” wichtiger als ein schneller, aber geräuschloser Sieg, der weniger Überzeugungsarbeit erfordert hätte.

Aktionen in Swarthmore, USA. Photo: Ian Holloway

3. Die Konfrontation verschärfen

Local campaigners growing their power opposing gas extraction in Groningen, Netherlands

Local campaigners growing their power opposing gas extraction in Groningen, Netherlands

  • Wenn ihr die Leute aktiviert habt, wenn sie zu den Gruppentreffen kommen und eine Dynamik entstanden ist, könnt ihr ein Stück weiter denken.
  • Vielleicht seid ihr in der Lage, eine Kundgebung, eine Demonstration, eine Parade oder eine Mahnwache zu organisieren.
  • Mit etwas mehr Kreativität könnte daraus ein Die-in oder ein Schweigemarsch werden oder ihr könntet eure Institutionen „heimsuchen”, indem ihr überall dort auftaucht, wo sie auftreten.
  • Kündigt nach Art der „Yes Men” an, dass die betreffende Institution aus all den von euch vorgebrachten Gründen deinvestiert, indem ihr vorgebt, diese Institution zu vertreten.
  • Auch Boykotte, Streiks und Arbeitsniederlegungen können schlagkräftige Aktionen sein.
  • Denkt an symbolische Aktionen, z.B. der betreffenden Institution den Rücken zuzukehren oder deren Auszeichnungen oder Ehrungen abzulehnen.
  • Ihr könntet eine wichtige Persönlichkeit, die mit der Institution in Verbindung steht, dazu bringen, die Zusammenarbeit aufzukündigen. So könnte beispielsweise eine Künstlerin einem Museum ihre Werke entziehen, ein Unternehmen könnte sein Geld von einer Bank abziehen, eine prominente Persönlichkeit könnte ihren Ehrendoktortitel zurückgeben oder ablehnen.

 

Die Kampagne von Fossil Free Berlin lief schon eine Weile, als der Finanzsenator endlich einwilligte, sich mit dem Thema Divestment zu befassen.  Doch nach Monaten des Wartens geschah – nichts.

Dann hatten sie Glück: Jemand von den Grünen gab ihnen den Wink, dass in einem 300-seitigen Bericht für einen politischen Ausschuss, der sich um neue grüne Energien in Berlin kümmern sollte, auch das Thema Divestment behandelt werde. Es handelte sich nur um einen beiläufigen Hinweis, aber es war genau das, was sie brauchten. Bei der Vorstellung des Berichts war die Gruppe anwesend. Als das Thema Divestment zur Sprache kam, standen sie alle auf, applaudierten, jubelten, zeigten sich mit ihren Divestment-T-Shirts und verteilten auch welche an die Ratsmitglieder. Das war eine sehr gute Konfrontation, die ihnen wirklich über den Berg geholfen hat, sodass sie ihren Zielen Aufmerksamkeit verschaffen und die Dinge vorwärtstreiben konnten.

Als Nächstes nutzte die Gruppe das Ende einer Legislaturperiode, um den Druck vor den nächsten Wahlen zu erhöhen und Politiker*innen vor dem möglichen Ende ihrer Amtszeit dazu zu bringen, sich zum Divestment zu bekennen. Sie druckten ihre Petition auf riesige Geldscheine, organisierten eine digitale Kampagne in den sozialen Netzwerken, knüpften Kontakte zu lokalen NGOs und wandten sich direkt an die Politiker*innen. Und sie haben es geschafft! Die Gruppe macht nun beharrlich weiter und nimmt sich weitere Institutionen in der Stadt vor. Sie treffen sich auch privat zum Essen und zu Freizeitaktivitäten, um ihre Gruppe und die Motivation zu stärken.

FFB-T-Shirts

Fossil Free Berlin

4. Direkte Aktionen

#STOPMCEDD France April 2016

Nicht vergessen: Plant während einer Eskalationsphase Erholungspausen ein.

Wenn man erschöpft ist, sollte man einen Schritt zurücktreten, sich ausruhen und wiederkommen, wenn man sich wieder fit fühlt. Hervorragende Tipps, wie man einen langen Atem behält, finden sich unter http://www.findingsteadyground.com/

So etwas solltet ihr nur in Betracht ziehen, wenn ihr ein Training für gewaltfreie direkte Aktionen absolviert, die Sache gut geplant, die Risiken abgewogen und ein gutes Gefühl dabei habt, den nächsten Schritt zu machen.

Das Risiko ist groß, aber die Chancen sind es auch – im besten Fall können konfrontative Aktionen die Machtverhältnisse verschieben und große Erfolge zeitigen.

  • Das Ziel einer direkten Aktion besteht darin, den Betrieb der betreffenden Institution so massiv wie möglich zu stören. Sie soll dafür sorgen, dass euer Protest nicht mehr ignoriert werden kann.
  • Ihr könntet ein wichtiges Gebäude oder Gelände besetzen und ein Stand-in oder Sit-in veranstalten.
  • Ihr könntet eine Barrikade bauen oder etwas blockieren, zum Beispiel den Zugang zu einem Gebäude, damit dieses von den Beschäftigten nicht mehr betreten oder eine Veranstaltung nicht fortgesetzt werden kann.
  • Wenn ihr ein persönliches Opfer bringen wollt, könnten einige von euch in Hungerstreik gehen.
  • Die Ruckus Society stellt gute Ressourcen und Ideen für Aktionen zur Verfügung; auch der Taktik-Stern in ihrem Action Strategy Guide ist hilfreich.
  • Seht euch unseren rechtlichen Werkzeugkasten für zivilen Ungehorsam an. Es ist wichtig, die eigenen Rechte zu kennen. Für Aktionen in Deutschland könnte dieser Ratgeber bei öffentlichen Versammlungen und im Kontakt mit der Polizei hilfreich sein. Im Vereinigten Königreich solltet ihr euch die Handreichungen der Organisation Green and Black Cross ansehen.  
    Wer persönliche Unterstützung benötigt, findet alle Kontaktdaten der europäischen Mitarbeiter*innen hier.

Die Divestment-Bewegung geht häufig gegen Universitäten vor. Doch manche Gruppen stellen fest, dass alle oben genannten Aktionen nicht ausreichen, um ihre Institutionen umzustimmen. Dann versuchen wir es mit direkten Aktionen.

Zum Beispiel an der Universität Edinburgh. Studierende hatten eine Urabstimmung organisiert, derzufolge die Mehrheit der Studierenden Divestment unterstützten. Sie organisierten Mahnwachen, Demos, Kundgebungen und veranstalteten sogenannte Die-ins auf dem Universitätsgelände. Aber die Universität weigerte sich kategorisch, ihren Forderungen nachzugeben.  

Die Antworten der Universität waren typisch: Sie bräuchten mehr Zeit, sie wollten lieber mit den Unternehmen zusammenarbeiten, das sei finanziell nicht machbar.

Hätten sie sich sofort in die Konfrontation begeben, hätten sie vielleicht die Unterstützung ihrer Basis und der Medien verloren. Aber sie hatten alle herkömmlichen Methoden (formelle Gespräche, Studierendenparlament etc.) ausgeschöpft, und so beschlossen die Studierenden, dass es Zeit für eine Eskalation sei. Sie besetzten die Verwaltungsbüros der Universität – und hielten 10 Tage lang die Stellung.

So funktioniert es nicht immer – oft muss der Druck länger aufrechterhalten werden. Doch unmittelbar nach dem Sit-in änderte die Uni ihre Haltung. Drei Jahre nach dem Start ihrer Kampagne haben sie gesiegt!

Divestment action in Edinburgh, Scotland.

Checkliste zur Aktionsplanung

  1. Worin besteht die Aktion? Wie konfrontativ ist sie?
  2. Warum macht ihr das? Verschafft euch Klarheit über eure Gegner, eure Zielgruppe und darüber, wie das alles zu eurer Strategie passt. Wie lässt sich damit Schlagkraft und Dynamik aufbauen, damit sich mehr Leute an eurer nächsten Aktion beteiligen?
  3. Wo und wann soll die Aktion stattfinden? Wo wollt ihr euch am Tag X treffen?
  4. Was für Ressourcen braucht ihr dafür? Wer ist dafür zuständig, sie in Ordnung zu bringen?
  5. Was ist bei der Aktion in puncto Sicherheit und Recht zu bedenken?  Nehmt eine Risikobewertung vor und entscheidet, wie ihr mit den Risiken umgehen wollt. Braucht ihr jemanden, der oder die gegenüber der Polizei oder dem Sicherheitsdienst vermittelt? Oder eine  Person, die die Aktion aus rechtlicher Sicht beobachtet?
  6. Wie wollt ihr die Aktion dokumentieren?  Wer soll Fotos machen?
  7. Welche Medien ladet ihr ein? Was ist eure Kernbotschaft? Gibt es einen Plan für die Einbindung der sozialen Netzwerke?
  8. Wie bezieht ihr die Öffentlichkeit, Passanten oder Beschäftigte in den betroffenen Gebäuden mit ein? Wäre ein Flugblatt mit einer Erläuterung zu eurer Aktion sinnvoll?
  9. Was könnte schiefgehen? Gibt es einen Plan B für den Notfall?
  10. Wie soll die spätere Auswertung ablaufen?
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